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Warum Bäckereien für Cybersicherheit sorgen müssen

Lösegeld zum Frühstück

Montagmorgen in der Backstube: Die Produktionssteuerung ist ausgefallen, die Lieferdaten sind weg, die Kassensysteme gesperrt. Auf dem Bildschirm erscheint eine Lösegeldforderung. Was nach einem Kinofilm klingt, ist für Betriebe zunehmend bittere Realität. Auch Bäckereien geraten ins Visier von Cyberkriminellen, und sie sind häufig erschreckend schlecht vorbereitet. Dabei ließe sich vieles verhindern.

Wer denkt, dass sich Cyberkriminelle nur für Banken oder Konzerne interessieren, irrt gewaltig. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen, und damit auch Bäckereien, sind attraktive Ziele. Der Grund ist einfach: Bäckereien betreiben digitale Systeme, die viele Angriffsflächen bieten. Sie sind digital vernetzter als je zuvor, investieren aber deutlich weniger in Cybersicherheit als große Unternehmen.

Bäckereien sind zudem Teil von Lieferketten. Sie bestellen bei Großhändlern, beliefern Cafés und Restaurants und arbeiten mit Zahlungsdienstleistern zusammen. Wer die Systeme einer Bäckerei übernimmt, kann sie als Einfallstor in das Netzwerk von Partnerunternehmen nutzen. Zudem hat der Einsatz von Künstlicher Intelligenz auch das Hacker-Geschäft effizienter und schneller gemacht. Viele Angriffe erfolgen inzwischen KI-basiert.

Die Angriffsflächen sind dabei vielfältig. Kassensysteme mit Internetzugang zählen dazu, das kabellose Netzwerk in den Filialen sowie die Warenwirtschaft und die Portale der Lieferanten. Auch vernetzte Produktionsanlagen und Öfen mit Fernwartungszugang sind Einfallstore, ebenso Online-Shops, Treueprogramme und gespeicherte Kundendaten. Hinzu kommt Software, die über das Internet bereitgestellt wird, also Cloud-Anwendungen.

Was ein Angriff kostet

Bei einem klassischen Angriff mit Lösegeldforderung wird das Computersystem von den Angreifenden verschlüsselt. Für die Freigabe der Daten verlangen sie Geld. Gelangen Kundendaten in die Fänge der Kriminellen, erhöht die Drohung, diese Daten ins Internet zu stellen, den Druck.

Beim Angriff werden die Systeme verschlüsselt und nur gegen hohes Lösegeld wieder freigegeben

Zunächst drohen Geschäftsverluste, denn die Kundschaft wird woanders kaufen. Hinzu kommen tage- oder monatelange Ausfallzeiten, hohe Lösegeldzahlungen, Reputationsschäden, der Verlust von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und nicht zuletzt purer Stress. Bis ein Betrieb nach einer Vollverschlüsselung wieder arbeitsfähig ist, nachdem alle Systeme durch die Schadsoftware unbrauchbar gemacht wurden, vergehen erfahrungsgemäß mehrere Wochen. Die gesamte digitale Infrastruktur muss neu aufgebaut werden.

Das gilt nicht nur für die Server, sondern auch für alle Arbeitsplatzrechner, Drucker, Festplatten, die Telefonanlage, die Software,
alle Lizenzen, alle Passwörter und die Datenbanksysteme. Jeder einzelne Rechner muss bei einem Vorfall dieser Art wiederhergestellt werden.

Was NIS2 fordert

Cybersicherheit ist längst keine freiwillige Angelegenheit mehr. Mit der europäischen Richtlinie NIS2 wurden die rechtlichen Anforderungen an Unternehmen verschärft. Das deutsche Umsetzungsgesetz ist seit Dezember 2025 in Kraft und verpflichtet rund 30.000 Unternehmen zusätzlich zu Maßnahmen für die Informationssicherheit. Betroffen sind dabei Unternehmen ab fünfzig Beschäftigten oder zehn Millionen Euro Jahresumsatz in bestimmten Branchen.

Die meisten handwerklichen Bäckereien liegen darunter und sind nicht unmittelbar verpflichtet. Mittelbar geraten sie dennoch in den Geltungsbereich, sobald sie größere Kunden wie Handelsketten oder Großküchen beliefern, denn diese geben die Anforderungen über die Lieferkette an ihre Partnerbetriebe weiter. Die Vorgaben sind dabei kein bürokratischer Selbstzweck, sondern eine Reaktion auf die reale Bedrohungslage.

Bäckereien sind inzwischen hoch vernetzte Betriebe mit vielen
Schnittstellen zum Internet und schlechtem Schutz gegen Angriffe

Eine ganzheitliche Sicherheitsstrategie ist ein elementarer Zukunftsfaktor für Unternehmen. Es geht um Risikoanalyse und Risikomanagement, um Vorbeugung, Erkennung und Bewältigung von Sicherheitsvorfällen – immer mit dem Ziel, die Geschäftsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Die Verantwortung dafür liegt bei der Geschäftsführung, die die Umsetzung der Maßnahmen überwachen muss und im Falle von Verstößen haftet.

Der Cyber-Risikocheck

Digitale Widerstandsfähigkeit, auch Sicherheitsreifegrad genannt, beschreibt die Fähigkeit eines digitalen Systems, Angriffe abzuwehren, durchzustehen und sich schnell davon zu erholen. Wer nicht weiß, wo der eigene Betrieb steht, kann nicht gezielt
handeln. Wichtig ist daher, Schwachstellen zu erkennen, ihre Auswirkungen zu bewerten und sie zu beheben. Entscheidend sind dabei einige Grundfragen: Wie anfällig ist das System für Bedrohungen? Wie schnell wird auf einen Vorfall reagiert? Welche vorbeugenden Maßnahmen sind umgesetzt? Und wie robust ist die Infrastruktur im Ernstfall?

Wie verbreitet die Lücken sind, zeigt eine aktuelle Befragung mittelständischer Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der Digital Future Monitor 2026. Jedem vierten Betrieb fehlt ein aktuelles Lagebild der eigenen Cyberrisiken. Befragt wurden dabei Unternehmen ab 250 Beschäftigten. Bei kleineren Handwerksbetrieben mit weniger Personal und ohne eigene Fachabteilung dürfte der Anteil höher liegen. Der erste und wichtigste Schritt ist daher eine strukturierte Bestandsaufnahme. Der CyberRisikoCheck nach DIN SPEC 27076 ist ein standardisiertes Verfahren zur Bewertung der Cybersicherheit in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Er wurde vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gemeinsam mit verschiedenen Partnern entwickelt und dient als Einstieg
in die Verbesserung der eigenen Sicherheit. Zertifizierte Dienstleister dürfen ihn durchführen und ausstellen.

Durch die Kombination aus organisatorischer und technischer Bewertung entsteht ein individueller Maßnahmenplan nach dem Stand der Technik. Ziel ist es, konkrete Handlungsfelder zu erkennen und praxisnahe Sicherheitsmaßnahmen abzuleiten. Das Ergebnis ist kein allgemeiner Ratgeber, sondern ein betriebsspezifischer Plan mit klar priorisierten Empfehlungen. Die Widerstandsfähigkeit sollte regelmäßig überprüft und gezielt gestärkt werden.

HACCP für die IT

In der Lebensmittelsicherheit ist ein HACCP-Konzept Pflicht. Es überwacht die kritischen Kontrollpunkte bei Herstellung, Lagerung und Verkauf von Backwaren, um gesundheitliche Gefahren für Verbraucherinnen und Verbraucher auszuschließen. Ein Notfallhandbuch für die Informationstechnik sollte denselben Stellenwert haben – als Vorsorgekonzept für Sicherheitsnotfälle.

Es unterstützt den reibungslosen Wiederanlauf: Kritische Systeme werden im Voraus bestimmt und lassen sich im Notfall vorrangig wiederherstellen. Gemeinsam mit der forensischen Analyse, also der systematischen Untersuchung des Vorfalls, können Teile der Infrastruktur oder die gesamte Infrastruktur je nach Ausmaß zurückgesichert oder neu installiert werden. Dafür muss das Notfallhandbuch offline verfügbar sein. Denn ist alles verschlüsselt, ist auch ein digitales Handbuch nicht mehr erreichbar.

Auch wenn die Sensibilität für Phishing-Attacken gestiegen ist – schnell klickt man in täuschend echt gestalteten Mails auf einen Link und öffnet die Tür zum System

In das Notfallhandbuch gehören Kontakte, Abläufe, Prioritäten und Wiederanlaufpläne. Wie oft dieser Baustein fehlt, zeigt die genannte Befragung: Gut jeder fünfte Mittelständler hat bislang keinen Notfallplan für Hackerangriffe erstellt. Auch hier dürfte die Lage in kleineren Betrieben kaum besser sein.

Den Ernstfall proben

Krisen muss man geübt haben, ähnlich wie beim Brandschutz. Bei einem solchen Probelauf werden die Rollenverteilung sowie die geplanten technischen und organisatorischen Maßnahmen getestet. Ein realistisches Angriffsszenario deckt Kommunikationslücken, fehlende Zuständigkeiten und unklare Eskalationswege auf. So lernt das Team, wie es im Ernstfall reagieren muss, und das mit deutlich weniger Entscheidungsdruck: Wer informiert wen? Wann wird die Polizei eingeschaltet? Wann die oder der Datenschutzbeauftragte? Wer darf mit der Presse sprechen?

Vier bis sechs Stunden

Aktuelle Analysen zeigen, dass sich Angreifende zunehmend nur noch wenige Stunden, oft vier bis sechs, in einem Netzwerk aufhalten, bevor sie ihre Schadsoftware aktivieren. Dieses Zeitfenster lässt sich nutzen, aber nur, wenn die richtigen Mechanismen vorhanden sind. Wer einen Angriff erkennt und isoliert, kann den Schaden erheblich begrenzen. Wer diese Chance verpasst, muss mit einem vollständigen Stillstand rechnen: verschlüsselte Systeme, gestohlene Daten, wochenlanger Ausfall.

Frühe Erkennung bedeutet nicht, dass eine Bäckerei eine eigene, rund um die Uhr besetzte Sicherheitsabteilung betreiben muss. Schon einfache Maßnahmen können verhindern, dass ein Angriff erfolgreich ist. Moderne Firewalls, also Schutzprogramme, die den Datenverkehr überwachen, schlagen bei ungewöhnlichen Verbindungen automatisch Alarm. Die Mehrfach-Authentifizierung verlangt neben dem Passwort einen zweiten Nachweis für die Anmeldung, zum Beispiel ein Einmalpasswort. Und eine laufende Überwachung lässt sich an einen Dienstleister vergeben: Solche Sicherheitsdienste sind auch für kleine Bäckereien erschwinglich und bieten eine professionelle Beobachtung rund um die Uhr.

Aufbau von Cyberschutz

Maßnahmen für die Cybersicherheit beruhen auf drei Säulen: der Vorbeugung als Abwehr von Bedrohungen, der Erkennung von Angriffen sowie der Reaktion mit schnellen Gegenmaßnahmen im Fall eines Vorfalls.

In Bäckereien wird der Grad der Vernetzung und Verwundbarkeit oft unterschätzt

Zur Abwehr gehört, dass alle Systeme auf dem aktuellen Stand sind, von den Betriebssystemen über die Software bis zur Firewall. Die Aufteilung des Netzwerks in getrennte Bereiche und ein Virenschutz sollten ebenso selbstverständlich sein wie der Schutz der E-Mail-Kommunikation. Abgerundet wird die Vorbeugung durch eine sehr gute Datensicherung: mehrstufig, an verschiedenen Orten und mit möglichst vielen Sicherungsständen.

Da der Mensch ein entscheidender Faktor ist, gehört zu einem modernen Schutz außerdem, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Gefahren und den richtigen Umgang damit zu sensibilisieren. Wie groß der Nachholbedarf ist, zeigt die Befragung: 27 Prozent der Unternehmen bieten ihren Beschäftigten keine regelmäßigen Schulungen zur Informationssicherheit an.

Chefsache

Ausfälle und Datenverluste können immense Schäden verursachen. Aus diesem Grund ist Cybersicherheit ein entscheidender Erfolgsfaktor für Bäckereien. Investitionen in vorbeugende Maßnahmen sind wirtschaftlich deutlich sinnvoller als die nachträgliche Behebung von Schäden. Ein erfolgreicher Angriff verursacht nicht nur hohe Kosten und großen Stress, sondern gefährdet im Extremfall die Existenz des Betriebs.

Wichtig ist, strukturiert und vorausschauend zu handeln, bevor der Ernstfall eintritt. Täglich werden Unternehmen angegriffen, das lässt sich nicht verhindern. Jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter kann es passieren, in der Hektik auf einen täuschend echten, aber schädlichen Link oder Anhang zu klicken. Es geht darum, Bedrohungen widerstandsfähig zu begegnen, im Fall eines erfolgreichen Angriffs den Notfallplan zu kennen, funktionsfähig zu bleiben und einen schnellen Wiederanlauf zu sichern. Drei konkrete erste Schritte kann man sofort angehen: den eigenen Ist-Zustand analysieren, die Angriffsflächen bestimmen und daraus einen konkreten Maßnahmenplan ableiten.


Fotos:
Philip Steury
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Reiner Veit

Reiner Veit ist geschäftsführender Gesellschafter der CompData Computer GmbH. Das Unternehmen ist ein vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zertifizierter Dienstleister für Informationssicherheit und auf Bäckereien spezialisiert.