Friedemann Berg über die Zukunft des Bargelds
Der Wert des Scheins
Bargeld braucht nur, wer schwarz kassiert? Wer das behauptet, bekommt von Friedemann Berg energischen Widerspruch. Der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks sitzt im Vorstand des Vereins Bargeld zählt! Im Streitgespräch geht es um Kosten, Krisen und Kontrollverlust. Und um die Frage, was verloren geht, wenn die Kasse leer bleibt.
Seien wir ehrlich: Bargeld braucht heute nur noch, wer an der Steuer vorbeiarbeiten will. Sie haben einen Verband mitbegründet, um genau das zu verteidigen. Warum?
In Ihrer Frage treffen gleich zwei Aussagen nicht zu. Erstens: Bargeld wird gerade heute weiter benötigt. Das Bäckerhandwerk richtet sich nach den Wünschen seiner Kundinnen und Kunden. Viele von ihnen möchten beim Bäcker bargeldlos bezahlen. Viele von ihnen bevorzugen aber weiterhin, gerade bei kleinen Beträgen, Bargeld. Der überwiegende Teil der Handwerksbetriebe bietet daher sowohl digitale Bezahlverfahren als auch Barzahlung an, wie eine 2025 vom Zentralverband des Deutschen Handwerks durchgeführte Umfrage bestätigt. Und Bargeld ist mehr als nur ein Zahlungsmittel – es steht für gesellschaftliche Teilhabe, Schutz der Privatsphäre und Resilienz. Bargeld ist krisenfest: Bei langanhaltenden Stromausfällen, Cyberangriffen oder Naturkatastrophen, wie wir sie aktuell leider vermehrt erleben, bleibt Bargeld ein verlässliches Zahlungsmittel. Zugleich steht das Zahlungsmittel Bargeld jedoch unter Druck. Die Realität ist: Für Kundinnen, Kunden und Betriebe wird der Zugang zu Bargeld zunehmend schwieriger. Für den Handel und das Handwerk steigen die Kosten für die Annahme von Bargeldzahlungen und das Bereithalten von Wechselgeld. Das Einzahlen von Bargeldeinnahmen wird aufwändiger und teurer, weil Banken die Zahl an Geldautomaten und Bankfilialen reduzieren. In ländlichen Regionen müssen Betriebe, Kundinnen und Kunden mittlerweile teils weitere Wege zurücklegen, um Bargeld zu erhalten. Diese Probleme verstärken sich gegenseitig: Weniger Zugangsmöglichkeiten zu Bargeld steigern die Hürden für Kundinnen, Kunden und Betriebe und führen zu sinkender Nutzung, was wiederum das Angebot weiter einschränkt. Setzt sich diese Entwicklung fort, könnte Bargeld bald für Verbraucherinnen, Verbraucher und Betriebe nicht mehr als Zahlungsmittel nutzbar sein und ein aufwändiger Wiederaufbau der Bargeldinfrastruktur notwendig werden, wie es in den zurückliegenden Jahren in skandinavischen Ländern wie Schweden zu beobachten war. Das gilt es aus Sicht unseres Zentralverbandes zu verhindern. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks hat daher den Verband Bargeld zählt! mitgegründet, der sich für den Erhalt von Bargeld als einem wesentlichen Teil der Bezahllandschaft und eine verlässliche Versorgung mit Bargeld einsetzt. Des Weiteren hat unser Zentralverband gemeinsam mit Verbraucherschutz-, Sozial-, Wohlfahrts- und anderen Wirtschaftsverbänden eine Verbändeallianz gegründet, die den Appell „Bargeld muss bleiben!“ veröffentlicht hat. Der Appell wurde Ende Januar an das Bundesfinanz-, Justiz- und Verbraucherschutz- sowie Familienministerium, die Bundesbank sowie Abgeordnete des Deutschen Bundestages versandt. Über den Appell wurde vielfach in den Medien berichtet, etwa in der Tagesschau, im Südwestrundfunk und in der Süddeutschen Zeitung.
Zweitens: Sie tragen einen Generalverdacht vor, den ich energisch zurückweise. Der Verband Bargeld zählt! bekennt sich ebenso wie der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks zu Recht und Gesetz und unterstützt das Ziel, Steuerhinterziehung wirksam zu bekämpfen. Die weit überwiegende Zahl von Handwerksbäckereien nutzt bereits elektronische Kassensysteme mit technischer Sicherheitseinrichtung, bei denen jegliches Vorbeiarbeiten an der Steuer ausgeschlossen ist. Und das ist gut so. Gleichzeitig finden wir, dass ein Zahlungsmittel, noch dazu ein gesetzliches, nicht unter Generalverdacht gestellt werden sollte. Wer behauptet, Bargeld brauche nur, wer an der Steuer vorbeiarbeiten will, verunglimpft unbescholtene Kundinnen und Kunden, Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Kinder, Jugendliche und Menschen in prekären Lebenslagen, die gar kein anderes Zahlungsmittel benutzen können. Viele Menschen zahlen gerne digital, andere bewusst mit Bargeld. Gerade ältere Menschen, Familien oder Kundinnen und Kunden, die ihre Ausgaben im Blick behalten möchten, schätzen diese Möglichkeit. Und wenn die Technik einmal streikt oder das Kartenlesegerät Pause macht, freut sich jeder, wenn der Zehn-Euro-Schein noch funktioniert. Und schließlich: Die Mehrheit der kriminellen Handlungen mit Finanztransaktionen findet nicht in der analogen, sondern in der digitalen Welt statt.
Als der Handel das Kartenterminal einführte, hat niemand einen Verein zur Rettung des Schecks gegründet. Zahlungsmittel kommen und gehen. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Bargeld mehr ist als bloß die ältere Technologie?
Bargeld ist das einzig gesetzliche Zahlungsmittel. Und dafür gibt es gute Gründe. Nur Bargeld funktioniert sicher zu jeder Zeit, auch in Krisen mit Systemausfällen. Nur Bargeld erlaubt es Menschen ohne Bankkonto, die Einkäufe des täglichen Bedarfs zu tätigen. Und Bargeld ist das einzige Zahlungsmittel, das unmittelbar zwischen Verkäufer und Käufer funktioniert, ohne Zusatzgebühr und ohne Datenspur.
In Schweden zahlen noch fünf Prozent der Menschen an der Kasse bar. Dort ist niemand verhungert, die Demokratie steht. Wovor genau wollen Sie uns eigentlich retten?
In Skandinavien führt die Bedrohungslage an der Ostgrenze gerade zu einem erheblichen Umdenken. In der Konsequenz wurde in Schweden vor einigen Wochen die Annahmepflicht für Bargeld im Lebensmittel- und Arzneihandel eingeführt. Die geringe Bargeldrate in den skandinavischen Ländern lässt dieses Gesetz jedoch an seine Grenzen stoßen. Die erneute Einführung von Bargeld ist eine große Herausforderung: Wenn die Bargeldinfrastruktur einmal in der Fläche abgebaut ist, ist es schwierig, aufwändig und langwierig, sie wieder aufzubauen. Unser Ziel ist es daher, die Bargeldrate zu stabilisieren und es erst gar nicht so weit kommen zu lassen.
Eine Bäckerei zahlt für Bargeld doppelt: erst die Zählzeit und den Werttransport, dann das Loch in der Kasse, wenn Personal zugreift. Sie vertreten den Mittelstand – und empfehlen ihm ausgerechnet das teuerste und diebstahlanfälligste Zahlungsmittel. Wie passt das zusammen?
Sicherheitsexpertinnen und Sicherheitsexperten weisen seit einiger Zeit darauf hin, dass sich die Sicherheitslage verändert hat und unsere Gesellschaft und Wirtschaft vermehrt mit langanhaltenden Stromausfällen, Cyberangriffen oder Extremwetterlagen infolge des Klimawandels rechnen müssen. Die Ereignisse der zurückliegenden Monate bestätigen diese Prognose leider. In einem Merkblatt, das wir für die Betriebe hierzu herausgegeben haben, empfehlen wir daher, Bargeldreserven vorzuhalten. Zitat: „Käme es zu einem langanhaltenden Stromausfall, wäre bargeldloses Bezahlen nicht möglich, solange dieser andauert. Halten Sie für diesen Fall geeignete Bargeldreserven vor, um den Verkauf der hergestellten Backwaren weiterhin zu ermöglichen.“ Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät in einem aktuellen Leitfaden dazu, für Krisenfälle wie einen längeren Stromausfall oder technische Störungen eine ausreichende Menge Bargeld zu Hause zu haben. Solange die aktuelle Sicherheitslage andauert, werden wir diese Empfehlung aufrechterhalten. Im Übrigen ist die Bundesbank in einer Studie im Jahr 2025 zu einem anderen Ergebnis gekommen als Sie: Der Bundesbank zufolge ist Bargeld das kostengünstigste Zahlungsmittel. Das belegt auch eine 2025 von unserem Dachverband, dem Zentralverband des Deutschen Handwerks, durchgeführte Umfrage. Von den 817 Handwerksbetrieben, die sich an der Umfrage beteiligt haben, akzeptieren 12 Prozent ausschließlich Barzahlung. Befragt nach den Gründen scheuen mehr als drei Viertel der hier Antwortenden die Kosten im Zusammenhang mit Kartenzahlungen sowie digitalen Bezahlverfahren und fast zwei Drittel den Verwaltungsaufwand der Abwicklung. Und zum Thema Diebstahlsanfälligkeit: Schwarze Schafe gibt es leider überall – unabhängig davon, ob Geld nun in der Kasse liegt oder Daten auf einem Server gespeichert sind. Bäckerinnen und Bäcker wissen, dass man Vertrauen nicht dadurch schafft, dass man allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Misstrauen entgegenbringt. Ein gutes Kassensystem, klare Abläufe und regelmäßige Kontrollen gehören heute zu einer guten Betriebsführung. Und wir setzen ja nicht auf ein Entweder-Oder, sondern auf echte Wahlfreiheit. Wer mit Karte zahlen möchte, soll das können. Wer lieber bar bezahlt, ebenso.
Meine Tochter bezahlt mit der Smartwatch. Was entgeht ihr außer klebrigen Münzen und der Suche nach dem Portemonnaie?
Ihr entgeht mindestens das Gefühl für ihre Ausgaben. Studien belegen eine deutlich höhere Verschuldung von Menschen, die mehr oder ausschließlich digital oder mit Karte bezahlen. Der „Trennungsschmerz“ von physischem Bargeld lässt Menschen nachweislich bewusster und verantwortungsvoller mit den eigenen Finanzen umgehen. Zudem bezahlt Ihre Tochter bei jeder digitalen Transaktion mit ihren Daten. Wie diese seitens der Zahlungsdienstleister weiterverwendet werden, ist weitgehend intransparent. Dessen sollte man sich immer bewusst sein.
Hand aufs Herz: Wenn morgen jedes Kartenterminal in Deutschland garantiert offline funktioniert, bei Stromausfall, Cyberangriff, Bankenpleite – lösen Sie dann Ihren Verband auf?
Das Kartenterminal gehört immer einer dritten Partei, die nicht unmittelbar am Kauf beteiligt ist. Und es wird immer vom Netz und Strom abhängig sein, auch wenn es eine gewisse Zeit offline überbrücken kann. Auch ein zeitweise offline-fähiger Zahlungsprozess wird keine dauerhafte Antwort auf das Bedürfnis nach Resilienz sein. Und es wird sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen ohne Bankkonto zurück- und irgendwann Datenspuren bei Dritten hinterlassen. Abgesehen davon aber bleibt Bargeld aus einer Reihe von weiteren Gründen erhaltenswert. Um nur einige zu nennen: Bargeld ist demokratisch. Es funktioniert ohne Zugangsschwellen in Form von Bankkonto, Kreditwürdigkeit oder Bonitätsauskunft und ist für alle ohne Ausnahme verfügbar. Bargeld ermöglicht Wettbewerb: Nur solange es Bargeld gibt, sind Anbieter unbarer Zahlungsmittel gezwungen, ihre Gebühren niedrig zu halten. Bargeld ist greifbar: Viele Menschen nutzen Bargeld zum Haushalten und zur Kontrolle über ihre Finanzen, denn seine physischen Eigenschaften machen die Einteilung und den Überblick darüber leicht. Bargeld ist lehrreich: Kinder lernen den Umgang mit Bargeld am besten mit Bargeld, denn es ist klar nummeriert und leicht zu zählen. Zudem ist sofort ersichtlich, dass Waren Geld kosten, denn Bargeld wird dann sichtbar weniger. Und Bargeld verbindet: Der Umgang und Handel mit Bargeld in Geschäften und auf Marktplätzen ist Teil der europäischen Geschichte und Kultur. Banknoten repräsentieren mit ihren Motiven die Sternstunden einer Gemeinschaft und laden zur Identifikation ein. Daher wird nicht nur ihr monetärer Wert geschätzt, sondern die Banknoten selbst werden von den Menschen wertgeschätzt. Die genannten Vorteile von Bargeld sowie die Konsequenzen des Wegfalls von Bargeld sind dabei vielen Anwenderinnen und Anwendern nicht vollumfänglich bewusst. Bargeld wird langfristig als Zahlungsmittel nur dann erhalten bleiben, wenn diese Vorteile und Konsequenzen der Gesellschaft bewusst sind und Bargeld von der Gesellschaft wirklich weiter aus eigenem Antrieb als Zahlungsmittel gewollt wird. Dazu bedarf es einer möglichst kontinuierlichen Aufklärung und Information hierüber. Da wird es noch lange viel zu tun geben. Der Verband Bargeld zählt! wird daher wohl noch lange seine Berechtigung und Notwendigkeit haben.