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Familienfreundlichkeit wird zum Wettbewerbsfaktor im Backhandwerk

Schlüssel gegen Fachkräftemangel

Frühschichten, körperlich anstrengende Arbeit und enge Zeitrahmen prägen den Alltag in Bäckereien. Gleichzeitig verändern sich die Erwartungen an Arbeit und Arbeitgeber. Wer Fachkräfte gewinnen und halten will, muss die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ernst nehmen. Doch was bedeutet Familienfreundlichkeit konkret im Bäckereibetrieb – und welche Maßnahmen lassen sich realistisch umsetzen?

Der Arbeitsmarkt hat sich fundamental gewandelt. Gefühlt bewerben sich Unternehmen bereits bei potenziellen Angestellten. In jedem Fall gibt es einen Wettbewerb der Firmen um Fachkräfte. Entsprechend ist es wichtig, ein klares Profil zu entwickeln und darstellen zu können, was den Betrieb als Arbeitgeber attraktiv macht.

Eine Befragung des Meinungs- und Marktforschungsinstituts Civey zeigt, welche Instrumente Unternehmen nutzen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. An erster Stelle steht die eigene Ausbildung im Betrieb, gefolgt von Weiterbildungsangeboten. Als dritthäufigste Maßnahme nannten Entscheiderinnen und Entscheider eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Bevor die Arbeitgeberattraktivität kommuniziert wird, müssen die eigenen Stärken klar sein. Was zeichnet den Betrieb aus? Welche Werte werden gelebt? Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es in Backstube, Verkauf und Verwaltung? Und wie wird im Alltag mit den Bedürfnissen der Mitarbeitenden umgegangen?

Für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist Familienfreundlichkeit inzwischen eines der attraktivsten Merkmale. Flexibilität sowie die Möglichkeit, eine gute Balance zwischen Arbeits- und Sozialleben herzustellen, sind in der Priorität spürbar gestiegen.

Haltung entscheidet

Familienfreundlichkeit beginnt nicht mit einem Konzeptpapier, sondern mit einer offenen Haltung der Unternehmensleitung. Wer Bereitschaft zeigt, individuelle Lösungen zu finden, schafft Vertrauen. Dabei geht es nicht darum, alles möglich zu machen, sondern gemeinsam zu prüfen, was tatsächlich möglich ist.

Flexible Schichtmodelle, Teilzeitlösungen oder feste freie Tage für Eltern können bereits viel bewirken, wenn sie transparent, fair und verlässlich organisiert sind. Besonders wichtig ist der Blick auf unterschiedliche Lebensphasen. Mitarbeitende verändern sich – im Beruf wie im Privatleben. Unternehmen, die diese Veränderungen begleiten, schaffen Stabilität und binden Wissen im Betrieb.

Regelmäßige Gespräche helfen, frühzeitig Anpassungsbedarf zu erkennen: bei Arbeitszeiten, Aufgaben, Verantwortlichkeiten oder dem Wunsch nach Weiterbildung. Führungskräfte, die Lebensphasen mitdenken, handeln vorausschauend und stärken die Zukunftsfähigkeit ihres Betriebs.

Offene Gespräche sind die Grundlage für Vertrauen und langfristige Mitarbeiterbindung

Praktikable Wege

Familienfreundlichkeit ist entsprechend keine Zusatzaufgabe, sondern eine Investition in die Zukunft des Handwerks. Schon mit überschaubarem Aufwand lassen sich spürbare Verbesserungen erzielen. Insbesondere dann, wenn offen kommuniziert und externe Beratung genutzt wird. Dabei gibt es verschiedene Beispiele, wie Umsetzung im Bäckereibetrieb gelingen kann.

Wenn von Vereinbarkeit die Rede ist, denken viele zunächst an Eltern und Kinderbetreuung. Doch Familie ist vielfältiger: Sie umfasst Partnerschaften, Eltern, Geschwister, Freundschaften. Für manche auch ein Haustier. Diese Vielfalt betrifft junge Mitarbeitende ebenso wie ältere.

Gerade bei betrieblichen Anlässen wie Weihnachtsfeiern oder Sommerfesten kann es zu Unsicherheiten kommen, wenn Einladungen unklar formuliert sind. Wer bewusst inklusiv einlädt, vermeidet Missverständnisse und stärkt das Gemeinschaftsgefühl im Team.

Familienfreundliche Arbeitsorganisation

Eine durchdachte Arbeitsorganisation ist Grundlage für Verlässlichkeit und Zufriedenheit. Sie verbindet Produktivität mit Rücksichtnahme und macht den Unterschied zwischen bloßem Funktionieren und einem Betrieb, in dem Menschen gerne arbeiten.

Dazu gehören frühzeitig erstellte und transparente Dienstpläne ebenso wie die Möglichkeit, Schichtwünsche zu äußern oder Dienste unkompliziert zu tauschen. Solche Regelungen stärken Eigenverantwortung und Fairness. Insbesondere in Betrieben mit wechselnden Früh- und Wochenenddiensten.

Auch scheinbar kleine Faktoren zählen: gut organisierte Arbeitsplätze, funktionierende Geräte, klare Abläufe. In Teamgesprächen kommen oft einfache Verbesserungsvorschläge zur Sprache, etwa neue Werkzeuge, bessere Rohstoffqualität oder Ordnungssysteme, die Zeit sparen. Ein ansprechend gestalteter Pausenbereich trägt zusätzlich zum Wohlbefinden bei.

Transparente Dienstplanung schafft Planungssicherheit für Betrieb und Mitarbeitende

Zuhören als Führungsaufgabe

Regelmäßige Teamgespräche zu Arbeitsbelastung, Organisation und Verbesserungsmöglichkeiten fördern Mitgestaltung und Zusammenhalt. Wer Mitarbeitende als Menschen wahrnimmt – mit Verantwortung und einem Leben außerhalb der Backstube – stärkt Loyalität und Motivation.

Dabei geht es nicht nur um aktuelle Herausforderungen, sondern auch um Perspektiven: Wie wird das Arbeitspensum erlebt? Wie fühlt sich jemand am Ende der Woche? Welche Entwicklung ist im Betrieb möglich? Solche Gespräche schaffen Tiefe, Orientierung und Vertrauen, auch mit Blick auf die Zukunft.

Erfahrung nutzen

Ehemalige Fachkräfte im Ruhestand sind für viele Bäckereien eine wertvolle Ressource. Sie bringen Erfahrung, Ruhe und Fachwissen mit und sind oft bereit, stundenweise zu unterstützen, etwa bei Schulungen oder in Spitzenzeiten. Minijob-Modelle oder befristete Teilzeit können hier passende Lösungen sein. Auch Mitarbeitende im Mutterschutz oder in Elternteilzeit lassen sich projektbezogen einbinden, etwa für administrative Aufgaben oder punktuelle Unterstützung im Verkauf. Das hält den Kontakt, bewahrt Wissen im Betrieb und erleichtert den Wiedereinstieg. Handwerkskammern bieten hier Beratung zu den rechtlichen Rahmenbedingungen an.

Pflegeverantwortung ernst nehmen

Immer mehr Beschäftigte übernehmen Pflegeaufgaben in der Familie. Flexible Freistellungsmodelle, Informationsangebote oder eine feste Ansprechperson im Betrieb können in solchen Situationen entlasten. Unterstützung bieten Pflegestützpunkte der Bundesländer sowie die Initiative „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“ des Bundesfamilienministeriums mit praxisnahen Materialien für Betriebe.

Gesundheit und Prävention

Gesundheit ist im körperlich anspruchsvollen Backhandwerk ein zentraler Faktor. Ergonomische, altersgerechte Arbeitsplätze, Bewegungspausen und Präventionsangebote helfen, Belastungen auszugleichen. Gesundheitsförderung ist damit auch Familienförderung. Sie schützt Arbeitskraft, Erfahrung und Lebensqualität.

Beratung und Förderangebote stellen Krankenkassen, Berufsgenossenschaften (BGN) und Handwerkskammern bereit, etwa in den Bereichen Ergonomie, Bewegung oder Stressprävention.

Gesundheitsförderung schützt Arbeitskraft und Lebensqualität

Herausforderung und Chance

Das Bäckerhandwerk ist geprägt von Frühschichten, körperlicher Arbeit und saisonalen Spitzen. Führungskräfte müssen Produktionssicherheit und Mitarbeiterbedürfnisse in Einklang bringen – in einer Zeit, in der sich Erwartungen an Arbeit wie Arbeitgeber deutlich verändern. Wer Lebensqualität, Sinn und Flexibilität ignoriert, verliert Anschluss.

Familienfreundlichkeit muss vorgelebt werden: durch offene Kommunikation, Planungssicherheit und echtes Interesse an Menschen. Eine vorausschauende Personalstrategie erkennt Entwicklungen frühzeitig und bindet Mitarbeitende nachhaltig. Verständnis ist dabei keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Familienfreundliche Betriebe profitieren mehrfach: Sie verbessern das Betriebsklima, reduzieren Fehlzeiten und steigern ihre Attraktivität am Arbeitsmarkt. In Zeiten des Fachkräftemangels wird das zur Überlebensfrage. Und zum klaren Wettbewerbsvorteil.


5 Quick Wins für mehr Familienfreundlichkeit

Dienstpläne früher veröffentlichen Schon wenige Tage mehr Vorlauf schaffen Planungssicherheit, besonders bei Früh- und Wochenenddiensten.

Schichtwünsche ermöglichen Mitarbeitende dürfen Präferenzen äußern. Nicht alles ist umsetzbar, aber gehört zu werden zählt.

Schichttausch vereinfachen Klare Regeln für eigenständigen Tausch entlastenFührungskräfte und stärken Teamverantwortung.

Feste Ansprechpartner benennen Eine Vertrauensperson für private Anliegen schafft Klarheit und senkt Hemmschwellen.

Kleine Verbesserungen ernst nehmen Bessere Werkzeuge, klare Ordnung oder ein angenehmer Pausenraum wirken oft stärker als große Programme.


Was heißt Familienfreundlichkeit konkret in der Backstube?

• Verlässliche Start- und Endzeiten trotz Frühschicht
• Teilzeitmodelle auch für Fachkräfte in der Produktion
• Planungssicherheit in saisonalen Spitzenzeiten
• Altersgerechte Arbeitsplätze und ergonomische Hilfsmittel
• Wertschätzung von Erfahrung, nicht nur von Verfügbarkeit
• Merksatz: Familienfreundlichkeit heißt nicht weniger Leistung, sondern bessere Organisation.


Typische Stolpersteine

❌ „Das geht bei uns nicht.“
→ Besser: gemeinsam prüfen, was möglich ist.

❌ Unklare Kommunikation bei Änderungen
→ Besser: frühzeitig informieren, nachvollziehbar begründen.

❌ Gleichbehandlung um jeden Preis
→ Besser: Fairness statt starrer Gleichmacherei.

❌ Vereinbarkeit nur als Privatthema sehen
→ Besser: als Führungs- und Organisationsthema verstehen.


Externe Unterstützung – Wer Bäckereien berät

• Handwerkskammern: Arbeitsrecht, Teilzeit, Elternzeit, Minijob-Modelle
• Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN): Ergonomie, Prävention
• Krankenkassen: Betriebliche Gesundheitsförderung
• Pflegestützpunkte der Bundesländer: Pflegeberatung für Beschäftigte
• BMFSFJ-Initiative „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“: Checklisten & Leitfäden


Check: Wie familienfreundlich ist mein Betrieb?

☐ Dienstpläne sind verlässlich und transparent
☐ Mitarbeitende werden regelmäßig gehört
☐ Lebensphasen spielen in Gesprächen eine Rolle
☐ Wissen bleibt im Betrieb, auch bei Auszeiten
☐ Gesundheit wird aktiv gefördert

Je mehr Häkchen, desto stabiler das Team.


Lebensphasen im Blick

• Junge Eltern: flexible Schichten, Rückkehrgespräche
• Pflegende Angehörige: temporäre Entlastung, klare Ansprechpersonen
• Erfahrene Fachkräfte: Wissenstransfer, angepasste Einsatzzeiten
• Ruhestand: projektbezogene Unterstützung statt Komplettausstieg

Praxis-Tipp: Ein kurzes Jahresgespräch mit Blick auf die Lebenssituation ersetzt viele Einzelprobleme.


Fotos:
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Robert Kneschke

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Katharina Hofer-Schillen

Katharina Hofer-Schillen ist Speakerin, Trainerin und Auditorin mit dem Schwerpunkt Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Seit mehr als 20 Jahren begleitet sie Unternehmen beim Aufbau familienfreundlicher Strukturen und moderner Unternehmenskultur.